72.000 Hektar Rebfläche | 22 Weinanbaugebiete | Weinproduktion: 72% weiß, 28% rot

Der Vater des Weines ist der Rebstock. Seine Mutter ist die Erde. Sein Schicksal sind das Wetter – und der Winzer.
(Altungarische Weisheit)

 

Weinanbau in Ungarn

Über die Grenzen hinaus bekannt

Das kontinentale Klima des Karpatenbeckens ist für den Weinbau ideal. Der kalte Winter tötet die meisten Schädlinge, der Regen im Frühling und Frühsommer bringt Wasser, die Sonne im Sommer und Herbst (stellenweise über 2000 Stunden im Jahr) mehrt den Zuckeranteil der Trauben. Zudem begünstigt der Nebel im Spätherbst die Vermehrung der Botritispilze, hauptsächlich natürlich in der Region Tokaj. Der Boden ist in der Tiefe vielfach vulkanisch, darüber liegen Kalk, Löss gemischt mit Basaltverwitterung, braune oder schwarze Walderde. So haben hier schon 600 vor Christus die Kelten Wein gekeltert, nach ihnen Römer, italienische Mönche, französische Hugenotten, schwäbische – und natürlich auch ungarische Winzer.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren ungarische Weine europaweit berühmt – und nicht nur der Tokajer. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte mit der „Diktatur des Proletariats“ ein 40 Jahre dauernder Schlaf, der keineswegs weinselig war. Selbst nach der politischen Wende, Anfang der 90-er Jahre, gärte der Most im wichtigsten Rotweingebiet des Landes um das südungarische Villány in offenen Zementwannen. War die Gärung einmal zu stark ausgefallen, sprudelte der rote Schaum am Boden des Presshauses. Das ist gottlob vorbei, aber das Beispiel zeigt, welchen Schaden der genussfeindliche Kommunismus in Weingärten, Kellern und Gaumen angerichtet hat. Denn in Westeuropa fand damals die erste Gärung in geschlossenen kühl- und heizbaren Stahl- oder Kunststofftanks statt.

Die rund 100.000 Hektar Rebfläche verteilt sich fast aufs ganze Land, nur der flache Südosten ist reblos. Natürlich sind Hanglage, Bodenbeschaffenheit und Mikroklima der zwölf wichtigsten Weinbaugebiete sehr verschieden, so auch die Rebsorten in den einzelnen Gegenden. Dabei entfallen zwei Drittel der fünf Millionen Hektoliter jährlicher Weinproduktion auf Weißweine: Welschriesling, Lindenblättriger, Furmint, Blaustängler, Zenit und Lämmerschwanz – neben den internationalen Sorten. Ein Drittel ist rot: Blaufränkisch, Blauer Portugieser und natürlich Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir usf.

 

Weinberge in UngarnBerühmte Rotweingebiete

Glücklicherweise wachsen Weißweine am Balaton (Plattensee), außerdem zwischen Donau und Theiß im Süden des Landes, ebenso am Bodrog und Theiß um Tokaj herum im Nordosten. Also überall dort, wo es auch die passenden Fischgerichte gibt. Eines der berühmten Rotweingebiete liegt um Eger in der nordöstlichen Hügellandschaft. Hier wird unter anderem der „Erlauer Stierblut“ (ein Cuvée aus Blaufränkischem, Cabernet Sauvignon und Merlot) gekeltert – und in den Wäldern reichlich Wild geschossen. In den anderen Rotweingegenden, dem südungarischen Villány, Szekszárd und dem westungarischen Sopron begleitet die Weine die gute ungarischen Küche der schwäbischstämmigen Winzer und Winzerinnen.

Die ungarischen Kellereien sind jung. Sie wurden nach der politischen Wende 1989 gegründet, denn vorher war es verboten, Wein zu keltern, außer zum eigenen Verbrauch. Abfüllen und Verkauf waren staatliches Monopol. Viele der alten Winzer gaben ihren Beruf auf oder arbeiteten mehr oder weniger lustlos in der staatlichen Genossenschaft.

Zu beginn der 1990-er Jahre als die liberalen Weingesetze in Kraft traten, kam es zu einen enormen Aufschwung. Scheinbar kaufte ganz Ungarn Weinberge, selbst Menschen, die nichts davon verstanden. Umgekehrt studierten die meisten Winzerkinder, die das richtige Alter erreicht hatten an einer der Weinakademien. Die berühmten ungarischen Oenologen, die bis dahin im Ausland arbeiteten, kamen heim und berieten die Anfänger. So auch Tibor Gál, der für Alexander Baron von Essen in Südafrika das Weingut Capaia aufgebaut und für den toskanischen Marchese Ludovico Antinori den Kultwein Ornellaia kreiert hatte.

Doch auch die ausländischen Investoren, die um die Qualität der ungarischen Regionen wussten, waren sogleich zur Stelle: Die Besitzer der französischen AXA Versicherungsgruppe, die in Bordeaux mehrere Chateaus haben; die G.M.F. Versicherung ebenfalls aus Frankreich; die Bodegas Vega Sicilia SA aus Italien; Franz Keller aus Baden und mehrere erfolgreiche Winzer aus Österreich (von Henkel und Söhnleich einmal nicht zu sprechen). Sie machen nicht nur gute Geschäfte. Sie haben in neue Technologie und Neubauten investiert und damit für viele ungarische Winzer als Beispiel gedient.

 

Weinanbau auf einem ungarischen Weingut

Weinanbau im Wandel der Zeit

Die Ungarn wiederum lernten nicht nur daheim. Sie reisten in die wichtigsten Weinregionen der ganzen Welt. Wieder zurück, kauften, modernisierten, bauten Kelterhäuser und Keller, die nicht nur die neueste Technik beherbergen sondern mit Kuppeln und Bögen auch ästhetisch schön gemauert sind. Einige Kellereien profitierten von EU-Geldern. Andere verschuldeten sich, mehrere machten bankrott. Es ging hoch her. Doch allen, die bis heute überlebt haben, geht es recht gut. Die einen machen einfache, saubere, meist Weißweine ohne besondere Körper und Aromen, die aber gut zu den scharfen ungarischen Gerichten passen. Andere produzieren große Weine, die bei Blindverkostungen in Bordeaux, Paris, London und Tokio mit Silber und Goldmedaillen ausgezeichnet werden.

Da zumindest die großen zufrieden sind, gibt es wenig Konkurrenzkampf. Die Herren – es gibt kaum Winzerinnen in Ungarn – halten zusammen, helfen einander. In allen Weinregionen machen sie Verkostungen, oft nur einer Sorte, an denen ausschließlich die Produzenten teilnehmen. „Wir vergeben keine Auszeichnungen,“ sagt Pál Mészáros aus Szekszárd, „denn jeder schmeckt sofort, welcher Wein gut und welcher weniger gut ist. Am Ende muss der Schöpfer des Besten aufstehen und berichten, wie er den gekeltert hat.“ Sie haben den Erfolg verdient: Seit 17 Jahren, seit die ersten Kellereien gegründet worden sind, haben die Winzer jeden Forint den sie verdient haben, wieder investiert. Sie haben kein Wochenendhäuschen. Wenn sie ins Ausland gereist sind, dann zu Studienzwecken. Die meisten von ihnen sind sympathisch, viele gebildet, alle selbstsicher-freundlich. Und natürlich haben sie alle einen harten Händedruck. Man spürt den enorm vergrößerten Muskel an der Kleinfinger-Seite, entstanden durch viel Training mit der Schere im Weinberg.

 

Erlesene ungarische Weine

Ungarische Spitzenweine

Die Winzer arbeiten immer noch von morgens bis spät am Abend und das während des ganzen Jahres. Tatsächlich verkaufen ungarische Winzer etwa 20 Prozent ihrer Weine ab Keller. Das beschert ihnen ein ordentliches finanzielles Polster, so dass sie auch von den Großhändlern höhere Preise verlangen können. Dieses Polster, dazu die insgesamt vergleichsweise kleine Landesproduktion, und schließlich der hohe Eigenverbrauch sind die Gründe dafür, dass ungarische Spitzenweine im Ausland weitgehend unbekannt sind. Weil sie aber in Ungarn Kultstatus haben, ist ihr Wert entsprechend hoch. Es ist eben chic für Freunde eine Flasche von Attila Gere oder Tibor Gál zu öffnen. Aus diesem Grund „bezahlen die Ungarn ohne zu murren höhere Preise als die deutschen Gäste“, sagt einer der Weinstars, József Bock aus Villány. Dabei sind die wirklich guten ungarischen Weine mit 10 bis 35 Euro preiswert – natürlich nur im Vergleich mit ähnlichen Qualitäten aus Frankreich oder Italien. Zur Marketingstrategie der bekannten Kellereien gehören außerdem die preiswerten Angebote schlichterer Weine in den heimischen Supermärkten – für umgerechnet etwa vier, fünf Euro. Denn die Markennamen der Top-Betriebe ziehen auch Käufer mit weniger Geld und Anspruch an.

 

Weinrebe auf einem ungarischen WeingutWeinreiseführer für Weinschmecker

Ein wichtiger Motor für Produktion, Qualitätsverbesserung, Imagepflege und Verkauf ist der jährlich erscheinende ungarische Weinführer Borkalauz, den das Ehepaar Gábor Rohály und Gabriella Mészáros herausgibt. Daneben erscheinen unzählige Fotobände über die Weinstars, die man in Buch- und Weinhandlungen bekommt. Im Borkalauz liest man kurze Berichte über die Weinregionen, nur Fachliches, aktuelles über die Winzer und ihre Keller, und recht ausführliche Bewertungen der Weine. Um freilich im Weinführer besprochen zu werden, müssen die Winzer dem Ehepaar Rohály-Mészáros von jedem ihrer Weine sechs Flaschen schicken. Mit dem Inhalt dieser Flaschen werden die begehrten Wein-Schmecker-Kurse veranstaltet – gegen Gebühr, versteht sich. Dort lernen die Absolventen: Aha, das ist typisch für einen Chardonnay, das für einen Merlot und jenes für den und den Winzer; wie schmeckt man Körper, Aromen, Frucht und Düfte heraus und differenziert sie; und wie heißen die geläufigen Ausdrücke für diese Empfindungen. Dabei gewinnt nicht nur das Ehepaar Rohály-Mészáros. Denn gleichzeitig wächst die Zahl der Weinkenner, die ihrerseits das Interesse für Wein und Winzer verbreiten. Schließlich verfassen die Absolventen eines Fortgeschrittenen-Kurses die Bewertungen der Weine im Borkalauz. Eine geniale Idee, gut umgesetzt, die der gesamten Weinszene nützt. Das Nachsehen haben nur die Freunde guten ungarischen Weines im Ausland. Denn die meisten Winzer haben schon im Herbst nichts mehr zu verkaufen. Und wenn ungarische Weinmacher – meist gemeinsam aus einer Region – einmal im Jahr in einer europäischen Großstadt ihre Erzeugnisse präsentieren, hat das einen besonderen Grund:

Nach der politischen Wende kamen nicht nur die großen Weinproduzenten ins Land. Auch Spar, Schlekker, Metro, Cora (aus Frankreich), C & A, Max Bahr, außerdem VW und Audi, sowie viele international tätige Banken der Welt ließen sich nieder. Sie investierten und machen bis heute gute Geschäfte. Die Ungarn waren und sind zwar aufgeschlossen für alles Westliche – wie alle Völker des ehemaligen Ostblocks. Doch etwa um die Jahrtausendwende war das Wehklagen der ungarischen Bauern nicht mehr zu überhören, die ihre Erzeugnisse im eigenen Land nicht absetzen konnten. Dafür verkauft Spar in Ungarn bis heute ausschließlich französische Milch. So keimte in vielen Menschen das Gefühl, ihr Land sei lediglich als Absatzmarkt, sie selbst als Konsumenten und billige Arbeitskräfte missbraucht worden. Gleichzeitig erwachte der kollektive Wunsch nach etwas Hervorragendem, Eigenem. Und so entdeckte man unter anderem den ungarischen Wein. Den möchten die Winzer im Ausland mit berechtigtem Stolz präsentieren.