Frankreich Obwohl Frankreich, was die Weinerzeugung angeht, nur an zweiter Stelle, wenn es um die Rebfläche geht, sogar lediglich an vierter Stelle unter den Weinbauländern der Welt steht, ist es für viele das Weinbauland schlechthin. Rund ein Fünftel der gesamten Weltweinerzeugung kommt von hier. Doch in den Augen vieler ist die Stellung des Landes noch herausragender, wenn es um die Qualität des Weins geht: Weltweit werden die hier gesetzten Maßstäbe als vorbildlich akzeptiert, und es gilt schon als Sensation, die Schlagzeilen in der Weltpresse hervorruft, wenn in einer großen Vergleichsprobe der erste Platz nicht von einem französischen Wein belegt wurde.
Heute stehen in Frankreich keine 900 000 ha mehr unter Reben – vor 100 Jahren war die Fläche noch nahezu dreimal so groß -, was knapp dem Neunfachen der deutschen und etwa dem Sechzehnfachen der österreichischen Rebfläche entspricht, von der jährlich im Schnitt um die 60 Mill. hl  Wein kommen. Wenn man von einigen insgesamt unbedeutenden Ausnahmen absieht, wird Weinbau in Frankreich südlich einer Linie betrieben, die ungefähr von der Loire-Mündung im Westen in einigem Abstand parallel zur Loire nach Paris, von dort in die Champagne etwas nördlich von Reims und weiter zur deutsch-luxemburgischen Grenze an der Mosel verläuft. 24 der 96 französischen Départements, praktisch ausnahmslos nördlich dieser Linie, weisen keine oder maximal 1 ha Rebfläche aus. Nicht nur aus klimatisch ungünstigen Gebieten zieht sich der Weinbau in Frankreich zurück. Zwischen 1968 und 1994 ist die Weinbaufläche um rund 500 000 ha – rund ein Drittel der Gesamtfläche – zurückgegangen, und die Zahl der Winzer hat um über drei Viertel auf derzeit noch 272 000 abgenommen. Die durchschnittliche Rebflähe pro Weinbaubetrieb ist damit von 1 ha auf 3,5 ha angewachsen. Zugleich ist die Fläche der A.O.C.-Weine deutlich vergrößert und beträgt derzeit 436 000 ha, während die V.D.Q.S.-Weine mehr und mehr verschwinden und heute noch auf 9200 ha kommen. Der große Verlierer sind die reinen Tafelweingebiete (im Gegensatz zu den zunehmenden Landweinen), die heute nur noch für ungefähr ein Fünftel der gesamten französischen Weinernte aufkommen.
Wenn auch in 3 von 4 französischen Départements Weinbau betrieben wird, so ist doch die Bedeutung nach Fläche und Art regional sehr unterschiedlich. Rund 35 % der französischen Rebfläche befinden sich im Midi, d. h. in den vier Départements -Hérault, AudeGard und Pyrénées-Orientales, zusammen 313 000 ha. Geringer nach Fläche ist der – in seinem Umfang erheblich größere – französische Südwesten, wo allein 80 000 ha der Cognac-Erzeugung dienen und weitere rund 115 000 ha auf das Département Gironde und damit auf das Bordeaux-Gebiet entfallen; zusätzliche 55 000 ha verteilen sich über ein halbes Dutzend weiterer Départements. An dritter Stelle rangiert die Provence, insbesondere mit den Départements Var, Vaucluse und Bouches-du- Rhône, gut 100 000 ha stehen hier unter Reben. An vierter Stelle mit gut 80 000 ha folgt Burgund einschließlich nördlicher und mittlerer Rhône, während rund 60 000 ha auf das Loire-Gebiet einschließlich des Centre entfallen. 29 000 ha befinden sich in der Champagne und etwa 13 500 ha im Elsaß, während auf der Insel Korsika 7600 ha unter Reben stehen.
Anders als in Deutschland geht der französische Gesetzgeber nicht davon aus, daß in allen diesen Gebieten qualitativ prinzipiell gleichwertiger Wein erzeugt wird.
Die Rebfläche Frankreichs ist daher in Gebiete eingeteilt, die der Erzeugung von Tafelwein dienen, andere haben das Recht, Landweine zu erzeugen, dritte schließlich dürfen Qualitätsweine unter dem sog. V.D.Q.S.-Siegel in den Handel bringen, und allein die besten haben das Recht, ihre Qualitätsweine mit dem A.O.C.-Prädikat zu verkaufen. Die gesamte französische Weinerzeugung teilt sich daher so auf, daß ein Fünftel in die Kategorie der einfachen Tafelweine fällt, während derzeit fast ein Viertel der Gesamterzeugung als Landwein deklariert wird, und etwa 15 % für die Cognac-Produktion bestimmt sind. Je nach Jahrgang entfallen heute zwischen 40 und 45 % der Ernte auf die Qualitätsweinerzeugung, wobei die Kategorie der V.D.Q.S.-Weine (derzeit 43 Weine) heute mengenmäßig zugunsten der Gruppe der A.O.C.-Weine (388 Weine) kaum noch ins Gewicht fällt (weniger als 3 % der gesamten Qualitätsweinerzeugung).
Innerhalb dieser höchsten Stufe gibt es mitunter noch eine festgelegte, weitergehende Qualitätshierarchie, die einer bestimmten Lage oder einem festgelegten Raum eine prestigereichere Bezeichnung zubilligt oder Rebflächen in Dorflagen, premiérs crus- und grands crus-Lagen klassifiziert. In allen diesen Fällen stehen dahinter jeweils präzise gesetzliche Vorschriften, die regeln, welche Rebsorten angepflanzt werden dürfen, wie hoch der Basishektarertrag sein darf, welche Mindestqualität der Most aufweisen muß, welche Weinbau- und Viniflikationsverfahren praktiziert werden müssen. Alles dieses wird überwacht und kontrolliert, wobei es sicherlich Lücken gibt, und unterliegt, da es kein unabänderliches System ist, immer wieder dem Wandel und der Anpassung.
Dennoch wohnt diesem System wie jedem, das von der im Prinzip gewiß richtigen Vorstellung der gewachsenen Qualität ausgeht, weil nun einmal Boden- und Klimabedingungen, verbunden mit der passenden Rebsorte nicht an jedem anderen Ort beliebig wiederholbare Faktoren sind, eine gewisse Unbeweglichkeit inne, die jedoch über die Jahre in und durch den Markt häufig wieder ausgeglichen wird. Es hat aber darüber hlnaus den entscheidenden Vorteil, Maßstäbe für Erzeuger und Verbraucher zu setzen, Qualitätsanreize zu setzen und dem Weintrinker Orientierungshilfen zu bieten, auch wenn die französische Weinhierarchie auf den ersten Blick so undurchschaubar erscheinen mag und daher von Unkundigen so oft mißdeutet wird.
Der Durchschnittsfranzose, der jährlich laut Statistik seine immer noch annähernd 80 l Wein komsumiert – was bedeutet, daß in jeder(!) vierköpfigen Familie täglich 1 Flasche Wein getrunken wird -, wird dieser Hierarchie in der Regel wenig Beachtung schenken. Er hat bei seinem Mittag- und Abendessen seine Flasche Rotwein auf dem Tisch stehen, und dies ist durchweg ein belangloser, aber meist sauberer und gut trinkbarer Allerweltswein, der gut zum Essen paßt. Die Créme der französischen Weine, die großen roten wie weißen Burgunder und Bordeaux werden dagegen von einem weltweiten Markt aufgenommen, der heute vielfach von Amerikanern und Japanern bestimmt und nur zu etwa einem Drittel im Lande selbst abgesetzt wird. Doch neben diesen, heute z. T. preislich erheblich überhöhten und in ihren Spitzen unbezahlbar gewordenen Weinen bietet das Land eine Fülle von außerhalb der Landesgrenzen oft nur wenig bekannten, doch häufig köstlichen Weinen. Dazu gehören die den deutschen und österreichischen Weinen noch am ähnlichsten Elsässer, wenn auch meist etwas höher im Alkohol und durchweg trocken, die ansprechenden, mitunter sehr beachtlichen Weine des Südwestens, die frischen und fruchtigen Rosés aus der Provence, die kraftvollen, z. T. hervorragenden, wenn nicht bemerkenswerten Weine der Rhône (die auch weiß in dieser Qualität sein können),
die charaktervollen und rassigen Weißweine der Loire, die z. T. ungeahnte Qualität aufweisen und die köstlichen, ungemein charmanten und hervorragenden Rotweine der Loire, die außerhalb Frankreichs nahezu unbekannt sind. Sieht man einmal von den Weinen für die Cognac-Erzeugung ab, sind drei von vier französischen Weinen Rot- oder Roséweine, und sie alle passen in der Regel, vom ordentlichen Landwein bis zum Romanée-Conti und Lafite, zum Essen; zu diesem Zweck werden sie erzeugt und in Frankreich durchweg auch getrunken.